Aktion „Buch des Monats“ der Österreich-Bibliothek an der Universitätsbibliothek in Warschau
Martin Huber, Wolfgang Straub „Thomas Bernhards Wien”, Korrektur Verlag, 2023
In diesem Jahr veröffentlicht die Österreich-Bibliothek an der Universitätsbibliothek Warschau jeden Monat Besprechungen in polnischer Sprache interessanter Bücher aus Österreich.
Autorinnen und Autoren dieser sind, im Auftrag der Österreich-Bibliothek und des Österreichischen Kulturforums Warschau, polnische Literaturkritikerinnen und Literaturkritiker.
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Martin Huber/Wolfgang Straub: Thomas Bernhards Wien. Wien: Korrektur Verlag 2023
Am Anfang gibt es eine Landkarte: einen Ausschnitt von Wien mit roten Punkten, aus dem zwei Rechtecke ausgeschnitten sind - Währing, Döbling und die Innenstadt. Diese beiden Ausschnitte finden wir vergrößert in der Mitte und im hinteren Teil des Buches wieder, sie haben ihre eigene detaillierte, durchnummerierte Topografie. Dieses Layout verrät das Konzept des Bandes schon am Eingang - wir haben es nicht mit einer zügig voranschreitenden Geschichte zu tun, und statt Flanieren und Dérive gibt es eine alphabetische Ordnung, Vierecke und Legende. Atmet eine solche Komposition mit Bernhard? Ja und nein.
Bevor wir uns dem ersten Eintrag - A wie Akademietheater - zuwenden, erfahren wir, wie der Titel Bernhards Wien zu verstehen ist. Wie nicht anders zu erwarten, ist er sowohl in Bezug auf die Biographie als auch auf das Werk des Schriftstellers zu lesen. Die Autoren erzeugen zunächst einen Kurzschluss durch die Gegenüberstellung von Bernhard und Handke (autsch). Aber die Spannung wird auch gleich wieder reduziert, denn es wird erklärt, dass beide „Großschriftsteller“ trotz aller Unterschiede als „Ortsschriftsteller“ gesehen werden können. Warum? Hier wird auf die Forschung verwiesen, wo Bernhards Texte bereits durch das Prisma seiner Orte gelesen wurden; Topographien erscheinen auf mehreren Bedeutungsebenen, sie definieren die Figuren, die sich in ihnen bewegen. Gerade durch Bernhards Figuren können wir uns dem Spezifischen von Orten und Räumen nähern, denn sie tragen die Atmosphäre dieser Orte in sich, sind von ihnen durchdrungen. So erfasst das Buch Bernhards Wien zum Teil entlang der 'Psychogeographien' von Guy Debord, ohne den strickt narrativen Raum außer Acht zu lassen. Beide Herangehensweisen fokussieren drei Bernhardsche Orte der Macht (und der Ohnmacht): den ersten Bezirk, den achtzehnten und neunzehnten Bezirk und den Steinhof, das berüchtigte psychiatrische Krankenhaus.
Schauen wir es uns an, lassen wir uns durch Bernhards Wien treiben. Wenn man von Buchstabe zu Buchstabe, von Eintrag zu Eintrag geht und die zahlreichen Fotos betrachtet, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Bernhards Wien ein Band über Wiener „Institutionen“ (Kaffeehäuser, Theater, Hotels, Palais) und ihre Geschichte ist. Und das ist vielleicht eine der größten Stärken dieser Publikation - Huber und Straub haben eine bewundernswerte historisch-topografische Recherche betrieben, indem sie die Wege von Bernhards Wiener Figuren mit dem Finger auf den Landkarten der Donaumetropole nachgezeichnet haben, wobei sie auch einen engen Vergleich zwischen Dort und Damals mit Hier und Heute anstellen. Letzterer Vergleich dient zwar vor allem jenen Bernhard-Fans, für die dieser Band als literarisches Baedeker fungieren soll; für Bezüge zu den Texten selbst spielt er keine Rolle. Aber allein das Nachvollziehen der Wiener Spazierwege von Figuren aus Romanen wie „Die alten Meister“ oder den Kurzgeschichten „Die Billigesser“ hat etwas Immersives, das sich mit der halluzinogenen Rhythmik der Prosa des Schriftstellers interessant verbindet.
Wir spazieren also mit den Wiener Nörglern und lernen Bernhards Tricks und Strategien der Rekurse auf reale Orte kennen (Spoiler: er hielt sich nicht immer streng an die topografischen Gegebenheiten). Wir spazieren auch mit Bernhard selbst, und zwar nicht nur zum Bräunerhof, sondern auch zu den eleganten Kaffeehäusern und Hotelrestaurants, in denen wichtige Treffen mit Verlegern (Unseld) oder mit dem für die Inszenierung von Bernhards Stücken so wichtigen Claus Peymann stattfanden. Die Intimität der Details aus Bernhards Privatleben hat bisweilen den Beigeschmack von Voyeurismus, so dass auch fetischisierende Fans auf ihre Kosten kommen (siehe Eintrag: Kniže).
„Bernhards Wien“ ist eine hervorragende Vorlage für Spaziergänge oder gedankliche Streifzüge durch die Donaumetropole. Die lexikonartige Komposition gibt Hinweise auf Themen, Daten undKontexte. Ein ausgezeichneter Ausgangspunkt für eigene Flaneur/Flaneuse- und Dérive-Erkundungen.
Kalina Kupczyńska
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Text: Dr. Kalina Kupczyńska
Foto: Dr. Agnieszka Borkiewicz, Jagoda Gawliczek
Organisation: Österreich-Bibliothek an der Universitätsbibliothek Warschau, Österreichisches Kulturforum Warschau
Partner: Österreich Institut Warszawa, Österreich-Bibliotheken in Polen