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Nie jestem botem

Workshop
Piksi-Buch-Polyphonie. Barbi Markovićs vielstimmige Heimspielanalysen
Barbi Marković
Dr. Marina Rauchenbacher
Organisation: Philologische Fakultät der Universität Lodz, Österreichischer Austauschdienst (ÖAD), Österreichisches Kulturforum Warschau 

Der Workshop ist die siebte Runde der Lodzer Treffen zum Thema Literatur und Engagement. Eingeladen werden österreichische Autor:innen, deren literarisches Schaffen auf aktuelle und brisante Probleme unserer Gegenwart Bezug nimmt. Die Vorbereitung zum Workshop besteht in der Lektüre von Piksi-Buch.

Wenn Barbi Markovićs Piksi-Buch mit „Ich hasse Fußball“ endet, so haben wir es mit einer vermeintlichen Selbstpositionierung zu tun, da diese sogleich durch das folgende Erzählrollenspiel „Fußballliebe“ des Gamedesigners Jan Kabasci umgedreht wird. Neben solchen Verkehrungen ins Gegenteil schwingen im Text zahlreiche intertextuelle Bezüge mit. Diese signalisieren gleich zu Anfang neben dem Arno Schmidt-Motto „Hinter uns die Urlaute balltretender Menschen“, das leicht Bilder von Bolzplätzen in einer nordwestdeutschen Einöde evoziert, das Buchcover als verbalgrafisches Mehrfachzitat. So ruft der Titel homophonisch die quadratischen (Vor)Lesebücher für Kinder auf, die im Erscheinungsjahr von Markovićs Piksi-Buch siebzig Jahre alt wurden. Dragan Stojković alias Piksi wiederum gehört zu den Fußballhelden der von Frank Willmann im Verlag Voland & Quist herausgegebenen Reihe ‚Ikonen‘. Deren Cover sind jeweils in Anlehnung an Vereinsfarben gestaltet, die im Falle von Piksi-Buch diejenigen von БАСК (Београдски академски спортски клуб) / BASK (Beogradski akademski sportski klub) sind.

Gekennzeichnet sind mit den schwarzweißen Streifen des Heimspieltrikots einerseits die Realitäten eines Belgrader Fußballvereins, der in den 1990er Jahren zunehmend zur Projektionsfläche für den Fanatismus einer nationalen Zugehörigkeit wird, andererseits die Universalität des für Fans wie Gegner zugänglichen Themas ‚Fußball‘. Damit schließt die aus Belgrad stammende Autorin an ebenso verbreitete Topoi wie Superheldinnen in ihrem gleichnamigen Roman (2016) oder Comicwelten von Mickey & Minnie alias Mini und Miki in ihrem 2024 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Werk Minihorror (2023) an. Sich mithilfe solcher Gemeinplätze zu positionieren, ins Spiel zu bringen und damit zu spielen, provoziert eine pulsierende Polyphonie (Michail Bachtin), die vor dem Hintergrund realer Ereignisse vielstimmige Narrative einer ebenso wahrscheinlichen wie unstimmigen Autofiktion hervorbringt. Gerade dadurch werden die Geschehnisse der 1990er Jahre, die die Autorin ausführlicher und ebenso mit Blick auf das Familiensetting in ihrem Roman „Die verschissene Zeit“ (2021) thematisiert, zur Chiffre eines großen nationalen und kleinen familiären Zerfalls, dessen Dramatik vielfache Parallelen zu anderen ‚Ostblock‘-Spaltungen aufweisen – etwa zwischen der DDR und BRD, deren Nationalmannschaften bei der Weltmeisterschaft von 1974 aufeinandertrafen. Hinzu kommen ähnliche regionale und städtische Rivalitäten wie zwischen dem Hamburger SV und FC St. Pauli oder an unserem Lodzer Austragungsort zwischen ŁKS und RTS.Zu den historisch verbürgten Fußball-Ereignissen, die sich als symptomatisch für die jugoslawischen Spaltungen ausmachen lassen und um diverse Vater-Tochter/Nicht-Fußballsohn-Geschichten sowie Familiendramen angesiedelt sind, gehören das Elfmeterschießen zwischen Jugoslawien und Argentinien bei der WM 1990, das 2:3 für Letztgenannte ausging, sowie Ausschreitungen zwischen kroatischen und serbischen Fans, durch die im Mai 1990 ein Spiel zwischen Dinamo Zagreb und Roter Stern nicht ausgetragen werden konnte. Hierum kreisen ähnlich wie in einer der Optionen im erwähnten Erzählrollenspiel ‚literarisch freie‘ Geschehnisse als vielstimmige heimische Stadionanalysen eines Mädchens, das semantisch bewegliche Ligen bespielt, wobei sich beispielsweise folgende Themenfelder ausmachen lassen: formale Aspekte eines Erzählens im Modus von Fußballkommentaren, eines Genrespiels oder -hybrids – Stadionpoesie und -theatralik voller Kriegsmetaphern, Superlative und schiefer Vergleiche, Nennung von Personennamen, Ansprache an die Lesenden, Elemente von Hörspielen, visueller Poesie, Games etc.

Barbi Marković: geboren 1980 in Belgrad, studierte Germanistik, lebt seit 2006 in Wien, 2011/2012 als Stadtschreiberin in Graz. 2009 machte Markovic mit dem Thomas-BernhardRemixRoman „Ausgehen“ Furore. 2016 erschien der Roman „Superheldinnen“, für den sie den Literaturpreis Alpha, den Förderpreis des Adelbert-von-ChamissoPreises sowie 2019 den PriessnitzPreis erhielt. 2017 las Barbi Marković beim BachmannPreis, 2018 wurde „SuperHeldinnen“ im Volkstheater Wien aufgeführt. Zahlreiche Kurzgeschichten, Theaterstücke und Hörspiele. 2023 erhielt Barbi Marković den Kunstpreis Berlin für Literatur. 2024 wurde sie mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet. Zuletzt im Residenz Verlag erschienen: „Die verschissene Zeit“ (2021), „Minihorror” (2023) und im Verlag Voland & Quist „Piksi“ (2024)

Dr. Marina Rauchenbacher ist Dozentin am Institut f. Germanistik der Univ. Wien im Fachbereich Neuere Deutsche Literatur, der sich mit der deutschsprachigen Literatur von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart befasst und sowohl von seinem Anteil an der Lehre als auch von der Anzahl der forschenden und lehrenden Personen der größte des Instituts ist. Forschungs- und Lehrschwerpunkte: Visuelle Kulturen, Comics, Bildtheorie, Gender Studies, Editionsphilologie, Biografie- und Rezeptionsforschung, deutschsprachige Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts (https://www.germ.univie.ac.at/marina-rauchenbacher)


22.11.2025 (Sa.), 11:45-18:00
Philologische Fakultät der Universität Lodz 
ul. Pomorska 171/173, Łódź
Auf Deutsch
Eintritt frei nach der Lektüre des Romans



 

22.11.2025 11:45-18:00 Philologische Fakultät der Universität Łódź
ul. Pomorska 171/173
Łódź
Eintritt frei, auf Deutsch